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Vierte Säule des Bildungssystems bleibt weiterhin Baustelle

Prof. i.R. Dr. Rolf Dobischat, Universität Duisburg-Essen, Fakultät für Bildungswissenschaften

Experten fordern die bundesweite Regelung der öffentlichen Weiterbildung

Das Vorfeld

Die Veranstaltung im April in der Urania zu Berlin war gut besucht. Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Weiterbildungstag (Arge DWT). Vor dem Hintergrund des Koalitionsvertrages, der für Bildung milliardenschwere Investitionen vorsieht und von den Regierungsparteien gerne als bildungspolitischer Aufbruch gewertet wird, stellten sich Experten aus Politik und Bildungsbranche die Frage „Bildungspolitischer Aufbruch! Wo bleibt die Weiterbildung?“

Die Thesen

Die Grundlage für die Diskussion zwischen Politik- und Bildungsexperten lieferte Berufsbildungsforscher Prof. Dr. Rolf Dobischat mit diversen Thesen, die der Sprecher der Arge DWT, Siegfried Schmauder, eingangs vortrug und mit eigenen Gedanken anreicherte.
So erinnerte Professor Dobischat daran, dass die ehemals große bildungspolitische Vision, Weiterbildung als „vierte Säule des Bildungssystems“ in öffentlicher Verantwortung auszubauen, gegenwärtig wohl nicht zur Debatte steht. Vielmehr ist die jetzige Verfassung der Weiterbildung durch Strukturprinzipien, marktförmige Steuermechanismen und das subsidiäre Verhalten des Staates gekennzeichnet. Damit einher geht die Zerklüftung durch eine Vielzahl rechtlich-organisatorischer Zuständigkeiten, in deren Konsequenz Weiterbildung vornehmlich mittels spezifischer Programmförderung zu bestimmten Themenfeldern stattfindet. Außerdem führen die Strukturdefizite in der Weiterbildung zu ungleichen Partizipationsmustern und Ausleseprozessen beim Lernzugang und erschweren die Übergänge zwischen den verschiedenen Bildungsbereichen.
Trotz Strukturdefiziten, so Dobischat weiter, gab es in den vergangenen Dekaden auch Erfolge. So stieg die Partizipationsquote, während die Beschäftigungslage des Weiterbildungspersonals bei bestimmten Gruppen unsicher und zuweilen prekär war. Als Problemlage wird das unzureichende Niveau staatlicher Weiterbildungsfinanzierung gesehen und der mangelnde Rückgriff der Arbeitsmarktpolitik auf das Instrument Weiterbildung zur Bewältigung des Fachkräftebedarfes. Insgesamt ist ein höheres Engagement der Weiterbildungsakteure (Staat, Betriebe, Bildungsträger) im Hinblick auf das notwendige Wissen im Kontext der Digitalisierung erforderlich. Letztendlich wird ein umfassender und strategischer Aufbruch zum Thema Weiterbildung im Koalitionsvertrag vermisst.

Die Diskussion

Siegfried Schmauder, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Weiterbildungstag

Der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist Jan-Martin Wiarda moderierte die Vertreter der Bildungsorganisationen und Gewerkschaften in einer ersten Diskussionsrunde. Diskutiert wurden vorwiegend Regelungen zur Weiterbildung mit: Dr. Roman Jaich (verdi), Ansgar Klinger (GEW), Hans-Peter Eich (Bildungsmarkt e.V.), Siegfried Schmauder (DWT).
In der zweiten Runde kamen die Bildungs- und Arbeitsmarktpolitiker der Bundestagsfraktionen zu Wort, deren wesentliche Sprachbeiträge hier zusammengefasst sind:

Dr. Stefan Kaufmann (CDU/CSU) und Martin Rabanus (SPD) stellten als Vertreter der Regierungsparteien die im Koalitionsvertrag getroffenen Vereinbarungen zur allgemeinen Bildung (Investitionsoffensive Schule, ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote, Digitalpakt, Nationaler Bildungsrat) sowie zur beruflichen Bildung und Weiterbildung (Berufsbildungspakt, Stärkung der Berufsorientierung, Berufsbildung 4.0, Aufstiegs-BAföG, Allianz für Aus- und Weiterbildung) heraus und verwiesen auf die dafür erheblich gesteigerten Bundesmittel.
Birke Bull-Bischoff (LINKE) lobte die Absichten aus dem Koalitionsvertrag, bemängelte aber die wenig belastbaren Überschriften und Zahlen. Mit Hinweis auf die gestiegene Bildungsteilhabe kritisierte sie die von dem Bildungsforscher Klemm festgestellte „bedenkliche Konstanz der Ungleichheit“, die es immer schwerer mache, Menschen mit schwierigen Bildungsbiografien einzubeziehen.

Dr. Jens Brandenburg (FDP) stimmte dem zu und verwies darauf, dass das alte Modell „Schule/Ausbildung/Beruf bis zur Rente“ nicht mehr funktioniere und deshalb ein Gesamtkonzept notwendig sei, bei dem auch die Hochschulen beteiligt sind.
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn (B‘90/GRÜNE) zeigte sich erstaunt, dass in der bisherigen Debatte die Zukunft der Arbeit und die damit einhergehenden massiven Veränderungen noch nicht benannt wurden. Szenarien über ein längeres Erwerbsleben einerseits und den Wegfall von Arbeitsplätzen aufgrund der Digitalisierung andererseits erforderten kontinuierliche Weiterbildung. Hinzu kämen weitere Zukunftsfragen wie Ökologie und Migration, die allesamt mit Weiterbildung zu tun hätten. Andererseits wisse er aus Gesprächen mit der Bundesagentur für Arbeit, wie schwierig es ist, Weiterbildung gerade für Geringverdiener attraktiv zu machen, solange es keine vernünftige soziale Absicherung während der Weiterbildungsphase gebe.

Das Fazit

Fachleute bemängeln am Koalitionsvertrag, wie wenig konkret der Bildungsbereich ausgestaltet wurde. Die Branche fordert nicht nur Geld, sondern bundeseinheitliche Regelungen für die Weiterbildung, sie fordert ein Weiterbildungsgesetz.

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