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BBB-Info-Brief Dezember 2018

Weiter bilden – Gesellschaft stärken

Von Gesine Schwan

Prof. Dr. Gesine Schwan
Politikwissenschaftlerin
Humboldt-Viadrina Governance Platform gGmbH

Berlin | Die Politikwissenschaftlerin und SPD-Politikerin Gesine Schwan hielt die Keynote auf der Eröffnungsveranstaltung zum siebten Deutschen Weiterbildungstag im September in Berlin. Sie stellte Überlegungen an über den Zusammenhang von Weiterbildung und Stärkung der Gesellschaft. Lesen Sie hier die autorisierte Zusammenfassung:

Im Berufsleben ist Weiterbildung seit Jahren ein Thema und eine Praxis. Als ich in den sechziger Jahren anfing zu studieren, war das noch nicht der Fall. Aber dann wurde das Thema zusammen mit der sogenannten Bildungsexpansion immer wichtiger. Inzwischen treibt die „Digitalisierung“, die nicht ganz einfach zu definieren ist, die Debatte weiter voran.
Worum geht es bei der Weiterbildung? Genauer: Worum sollte es gehen?
Zu allererst halte ich es für wichtig, die Wettbewerbsmanie in der Bildung radikal zu überwinden. Seit etwa drei Jahrzehnten, im Zuge der Wirtschaftstheorie des Neoliberalismus, der den Markt überall über alles gesetzt hat, wurde das Prinzip des Wettbewerbs als Leistungsmotor und Leistungsmesser vom wirtschaftlichen Markt auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Der ehemalige BDI-Präsident Olaf Henkel forderte Anfang der Neunziger Jahre bei seiner Vorstellungsrede im Ludwig-Erhardt-Haus in Berlin: Wir müssen von der Wettbewerbswirtschaft zur Wettbewerbsgesellschaft übergehen.
Die primitive Motivationstheorie dahinter war in der Bildung: Kinder und Erwachsene sind nur unter Druck bereit, sich zu bilden, nur wenn sie Angst haben, im Wettbewerb zu verlieren oder wenn der Ehrgeiz sie treibt, der beste zu sein. Keine intrinsische, sondern eine ungeniert extrinsische Motivation, von außen also. Das hat viel Leid von Verlierern mit sich gebracht, Kooperations- und Solidaritätspotenziale verschüttet und uns tendenziell zu einer Gesellschaft von Wölfen gemacht, die sich gegenseitig in derKonkurrenz bedrohen.

Weiterbildung muss die Verantwortung aller Bürgerinnen und Bürger, nicht nur der gewählten Politikerinnen und Politiker für ein gewaltfreies Zusammenleben, insgesamt für unser Gemeinwesen nahelegen und begreiflich machen. Wir alle tragen diese Verantwortung.

Von dieser grundsätzlichen Bemerkung, die weit ausgeführt werden könnte, nun zu den Zielen der Weiterbildung:

  • Im Allgemeinen zählt in der beruflichen Weiterbildung als erstes Lernziel: vertraut zu werden mit neuen Technologien. Ja, das ist für eine weltoffene Wirtschaft und Gesellschaft essentiell. Aber reicht das? Häufig steht dahinter die Naivität, dass Technik alle Probleme lösen kann. Beim genaueren Hinsehen tauchen sie aber trotz brillanter Technik immer wieder auf.
    Das zeigt: Wir brauchen mehr, selbst für eine dem Weltmarkt ausgesetzte Wirtschaft: um zusammen zu handeln und unvermeidliche soziale Konflikte zu klären und zu überwinden oder zumindest im Zaum zu halten, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, dessen Fehlen heute so häufig beklagt wird, zu wahren oder besser noch: zu stärken, brauchen wir Verständigungskompetenzen, Kommunikationsfähigkeit, Lebenserfahrung und vieles mehr.
  • Als zweites Lernziel gilt häufig, vertraut zu werden mit neuen wissenschaftlichen Einsichten, von der Krankengymnastik, über das Handwerk bis zum Straßenbau, um bewusst keine wissenschaftlichen Berufe zu wählen. Das ist im Fachlichen schon viel breiter als reine Technologie. Denn typisch für Wissenschaft ist – jedenfalls normativ, nicht immer faktisch: Lernen, in systematischen Zusammenhängen zu denken und die eigenen Erkenntnisse und Einsichten, gerade auch ihr Zustandekommen methodisch zu reflektieren. Erst dann kann man die Tragfähigkeit der eigenen Position und deren Begründungen einschätzen und entsprechend selbstkritisch in den Dialog mit anderen treten.
  • Als drittes Lernziel fällt mir die Stärkung der Bürger-Kompetenzen ein. Das scheint mir besonders wichtig, gerade angesichts der gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die Demokratie. Weiterbildung muss die Verantwortung aller Bürgerinnen und Bürger, nicht nur der gewählten Politikerinnen und Politiker für ein gewaltfreies Zusammenleben, insgesamt für unser Gemeinwesen nahelegen und begreiflich machen. Wir alle tragen diese Verantwortung.

Dazu müssen wir Verständigung lernen, auch Multiperspektivität und Multilingualität, also „Mehrsprachigkeit“. Es fällt uns nicht auf Anhieb leicht zu begreifen, dass es auf Streitpunkte unterschiedliche Perspektiven, also Blickwinkel gibt, dass unterschiedliche Erfahrungen unterschiedliche Schlussfolgerungen nahelegen. Das aber ist erforderlich, um in einer ziemlich unübersichtlichen Welt und in einer individualisierten Gesellschaft nicht jeden Dissens in einen riesen Konflikt eskalieren zu lassen.
Dasselbe gilt für die „Mehrsprachigkeit“. Damit ist nicht nur gemeint, Englisch, Französisch oder Chinesisch zu können. Wir sprechen auch in unseren Berufen, in unseren Lebenswelten oft „Sprachen“, die andere nicht auf Anhieb verstehen. Der Soziologe Niklas Luhmann nannte das „Codes“. Ein Ingenieur oder ein Stadtentwickler spricht oft eine andere Sprache als ein Sportler, besonders ein Fußballer, ganz zu schweigen von einer Ärztin.
Hier liegt der Übergang zum Thema dieser Überlegungen: Weiter bilden – Gesellschaft stärken nahe. Zur Frage steht: Warum oder wie stärkt individuelle Weiterbildung unsere Gesellschaft?
Der Kontext, in dem ich diese Frage beantworten möchte, ist die Demokratie:

Sie braucht eine lebendige, aktive, mutige, verständigungsfähige und verständigungsbereite Gesellschaft, heute mehr denn je. Denn „Politik“ kann nicht einfach als ein Beruf in einer gewöhnlichen Arbeitsteilung gesehen werden, wie das häufig geschieht. Gewählte Politik hat in der repräsentativen Demokratie nicht den Auftrag, Brötchen oder Autos oder Entscheidungen zu verkaufen, sondern mit Orientierung auf das Gemeinwohl über Fragen zu entscheiden, die strittig sind, und zwar mit Blick auf unser aller Gemeinwohl zu entscheiden.
Das ist der tiefere Sinn des Begriffs der „Repräsentativen Demokratie“. Sie zielt nicht nur darauf, dass die Gewählten die Interessen ihrer Wähler „repräsentieren“ und möglichst genau durchsetzen sollen. Sie sollen gleichzeitig im Abgleich mit den Interessen und Argumenten der anderen in sich eine Vorstellung des Gemeinwohls erarbeiten und „vergegenwärtigen“. Deshalb sind die Abgeordneten nach unserem Grundgesetz frei und nicht an Weisungen gebunden.
Dass de facto viele ausgesprochene und unausgesprochene Weisungen auf die PolitikerInnen wirken, weiß ich. Aber ohne das verfassungsmäßig garantierte freie Mandat gäbe es gegen starke Lobbygruppen gar keine Grenze. Und wir als Bürgerinnen und Bürger sind alle dafür verantwortlich, dass gute Lösungen gefunden und umgesetzt werden können. Denn gute Politik ist auf guten gesellschaftlichen Input und auf gute Resonanz angewiesen. Beide: Politik und Gesellschaft haben hier eine Bring- und eine Holschuld.

Deshalb, das ist die Folgerung meiner vorgetragenen Überlegungen, brauchen wir eine komplexe und mehrdimensionale Weiterbildung für die Stärkung einer demokratischen, mündigen und kooperativen Gesellschaft: Sie zielt vor allem auf Bürgerverantwortung und auf die nötigen Kompetenzen, um diese Verantwortung auch zu unser aller Wohl zu praktizieren.