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Weiterbildung 4.0 – Solidarische Lösungen für das lebenslange Lernen im digitalen Zeitalter

Wir brauchen eine neue Weiterbildungskultur

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat 2018 den Expert(inn)enkreis Weiterbildung: Brigitte Pothmer (Bündnis 90/Die Grünen), Philipp Antony und Ute Brümmer (Heinrich-Böll-Stiftung ), Mechthild Bayer (verdi), Prof. Dr. Michael Heister ( Bundesinstitut für Berufsbildung), Dr. Thomas Kruppe (Institut für Arbeitsmarkt-und Berufsforschung) und Prof. Dr. Wolfgang Schroeder (Universität Kassel) beauftragt, Vorschläge für die zukünftige Gestaltung des Weiterbildungssystems in Deutschland zu erarbeiten.

Im vorliegenden Abschlussbericht vom Februar 2019 stellen die Autorinnen und Autoren fest, dass in den letzten Jahren auf dem Feld der Weiterbildungspolitik einiges in Bewegung gekommen ist, dass aber gleichwohl der Durchbruch zu einer belastbaren Institutionen- und Anreizstruktur in der Weiterbildung nicht erreicht ist.

Wie lässt sich lebenslanges Lernen organisieren? Was bedeutet es, wenn durch die Digitali­sierung und den technologischen Wandel in den kommenden Jahren viele – auch gut be­zahlte – Arbeitsplätze wegfallen, andere sich verändern, wieder andere komplett neu entstehen? Wie können Menschen dazu befähigt werden, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten?

Die Antwort der Autorinnen und Autoren des vorliegenden Textes lautet: Wir brauchen eine neue Weiterbildungskultur. Ausgehend von einer Analyse des gegenwärtigen Weiter­bildungsmarktes machen sie deutlich, dass der Erwerb neuer Qualifikationen und Kompe­tenzen nicht länger dem Zufall überlassen werden darf: den Fähigkeiten der oder des Einzelnen, sich auf einem weitgehend chaotischen Anbietermarkt das passende Angebot herauszusuchen, den höchst unterschiedlichen regionalen und betrieblichen Gegebenheiten. Stattdessen fordern sie: Weiterbildung gehört in öffentliche Verantwortung.

Weiterbildung gehört in öffentliche Verantwortung

Weil sie der Erstausbildung in puncto Relevanz künftig nicht nachstehen wird, muss sie neben Schule, Ausbildung und Studium eine vierte gleichberechtigte Säule unseres Bildungssystems werden.

Dazu unterbreiten die Autorinnen und Autoren Vorschläge: Ein Bundesweiterbildungsgesetz, in dem neben dem Recht auf Weiterbildung auch Mindeststandards für die Qualität der Angebote festgeschrieben werden sollen. Ein «Parlament der beruflichen Weiter­bildung», in dem Vertreter/innen von Bund und Ländern, der Tarifparteien und den Akteu­ren der Weiterbildung sich mit externen Expert/innen darüber verständigen, welche Kompetenzen künftig gebraucht werden – damit auf dieser Grundlage entsprechende Qualifizierungsmodule entwickelt werden können. Und schließlich: eine flächendeckende Weiterbildungsinfrastruktur, deren Aufbau nicht länger dem Wirtschaftlichkeitsprimat privater Anbieter/innen überlassen bleibt und in der Berufsschulen zu regionalen Lernwerkstätten und Hochschulen zu Orten lebenslangen Lernens, nicht nur für Akademiker/innen, werden.

Weiterbildung muss allen offen stehen

Auch zu einer gesamtgesellschaftlichen Finanzierung machen die Autorinnen und Autoren Vorschläge. Eine neue Arbeitsversicherung, in die – neben einem Zuschuss aus Steuer­mitteln in gleicher Höhe – Arbeitgeber/innen und Arbeitnehmer/innen ein Prozent der Bruttolöhne einzahlen, soll die Kosten für individuelle Weiterbildungen decken und dabei auch Soloselbstständigen und geringfügig Beschäftigten offenstehen. Als Teil der Sozial­versicherung würde eine solche Arbeitsversicherung neben den unmittelbaren Weiter­bildungskosten auch Mittel für Lohnersatzleistungen bereitstellen. Für die Stärkung betrieblicher Weiterbildung – vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen – sollten die Tarifparteien darin unterstützt werden, branchenspezifische Weiterbildungsfonds einzu­richten. Hilfestellung bei der Suche nach dem richtigen Angebot bekämen Interessierte von einer unabhängigen Weiterbildungsberatung, die nicht nur an bereits bestehende Qualifikationen, sondern auch an individuelle Kompetenzen und Potenziale der Weiter­bildungsinteressierten anknüpfen müsste.

Weiterbildung, so sehen es die Autorinnen und Autoren, soll den Menschen durch passende Unterstützungsstrukturen ermöglichen, in einer Arbeitsgesellschaft 4.0 selbstbestimmt ihren eigenen Weg zu gehen. Wichtig sind ihnen dabei solidarische Lösungen. Denn auch das machen die Autorinnen und Autoren deutlich: Nur wenn Weiterbildung künftig allen offensteht, wird sie dazu beitragen können, die Spaltung am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft nicht zu verstärken, sondern abzubauen.

Hier erhalten Sie die Broschüre: Weiterbildung 4.0 Solidarische Lösungen für das lebenslange Lernen im digitalen Zeitalter

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