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Digitalisierung fordert Weiterbildung

Von Prof. Enzo Weber, Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung, insbesondere Makroökonometrie und Arbeitsmarkt, der Universität Regensburg, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und Strukturanalysen“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Nürnberg | Nach der Computerisierung steht uns eine weitere Welle der Digitalisierung bevor. „Wirtschaft 4.0“ steht für eine Vernetzung der virtuell-digitalen und physischen Welt, also beispielsweise von IT-Systemen, Maschinen und Produkten, sowie den Einsatz maschinellen Lernens in der Wirtschaft.

Was hat das mit Bildung und Weiterbildung zu tun? Eine direkte Konsequenz ist ein deutlich steigender Bedarf an IT-Berufen. Das ist aber nicht alles, auch in Zukunft werden die meisten Beschäftigten nicht selbst programmieren. Die intelligente und vernetzte Digitalisierung läuft aber auf eine neue Organisation und Arbeitsteilung in der Wirtschaft – auch zwischen Mensch und Maschine – hinaus. Im Zuge der digitalen Integration von wirtschaftlichen Abläufen werden Produktions-, Wissens-, Vertriebs- und Entwicklungsarbeit enger zusammenwachsen. Zudem wird es darum gehen, neue Ideen und neue Wertschöpfung aus der Digitalisierung und der Nutzung großer Datenmengen zu entwickeln.

Es geht darum, neue Ideen und neue Wertschöpfung aus der Digitalisierung zu entwickeln.

Entsprechend werden sich die Anforderungen in der Arbeitswelt ändern. Die berufliche Aufgabenverteilung wird weniger trennscharf. Es wird mehr und mehr auf generelle Kompetenzen ankommen, wie über die eigene Tätigkeit hinaus in übergreifenden Prozessen denken zu können. Ebenso werden Abstraktion vom konkreten Arbeitsgegenstand, Kreativität und Kommunikationsfähigkeit wichtiger.

Routinetätigkeiten sind dagegen auf dem Rückzug. Diese folgen einer bestimmten Logik, und Logik ist programmierbar. Dabei geht es keineswegs wie bei der Automatisierung in früheren Jahrzehnten nur um Arbeiter ohne Berufsabschluss. Hohe Anteile digitalisierbarer Tätigkeiten finden sich auch in vielen verarbeitenden Berufen, die einen Abschluss erfordern, und in Bürojobs. Die meisten Berufe werden dabei keineswegs verschwinden, sich aber doch deutlich wandeln. In der Ausbildung sollte man sich daher nicht nur auf das eigene Fach konzentrieren. Ein Erwerbsleben wird vier bis fünf Jahrzehnte umfassen, heutzutage genug Zeit, um einen Wissensstand mehrmals obsolet werden zu lassen. Generelle Fähigkeiten zum Umgang mit Neuem sind also entscheidend. Auch sollte man nach der Ausbildung kontinuierlich zusätzliche Schritte in der Weiterbildung gehen. Wer in Bewegung bleibt, wird auch in der digitalisierten Arbeitswelt gute Chancen haben – ob mit einem akademischen oder berufsbildenden Abschluss.

Es gibt aber auch große Risiken: So gelang es während des strukturellen Wandels ab den 1970er Jahren weg von herkömmlicher Fabrikarbeit nicht, Aufbau und Verfestigung der Arbeitslosigkeit vor allem von Niedrigqualifizierten zu verhindern.

Wer in Bewegung bleibt, wird auch in der digitalisierten Arbeitswelt gute Chancen haben.

In dieser Hinsicht ist es unwahrscheinlich, dass eine öffentliche Arbeitsmarktpolitik, die grundsätzlich Arbeitslosmeldungen abwartet, die kritischen Auswirkungen des digitalen Umbruchs allein bewältigen kann. Denn sobald Arbeitslosigkeit eintritt, ist die Arbeitsmarktpolitik (neben der Mitwirkung der Arbeitslosen) nur noch auf sich selbst gestellt. Setzt man vorher an, bieten sich dagegen Kooperationsmöglichkeiten im Hinblick auf betriebliche Weiterbildungsinitiativen. Die Betriebe verfügen über die Informationen zu den konkreten Bedarfen aus Produktions- und Marktsicht und sind damit zentrale Akteure in der Weiterbildung.

Der öffentlichen Politik kommt aber die Unterstützung und Förderung der Weiterbildungsaktivitäten zu, wie etwa mit einer an Betriebe und Beschäftigte gerichteten Qualifizierungsberatung und einer Beteiligung an den Kosten von Maßnahmen und Arbeitsausfall. Denn Weiterbildung nutzt nicht nur dem Beschäftigten und dem Betrieb, sondern ist auch eine gesamtwirtschaftlich bedeutende Aufgabe: Investitionen in Weiterbildung sind ein Beitrag dazu, dass der digitale Wandel insgesamt positiv bewältigt werden kann.

Neben der Bildungspolitik für die Erstausbildung und der Arbeitsmarktpolitik für die Qualifizierung von Arbeitslosen brauchen wir daher auch eine Weiterbildungspolitik für Beschäftigte. Finanzielle Beteiligung der Politik ist dabei vor allem bei Weiterbildungen anzuraten, die generelle Kenntnisse und Fähigkeiten entwickeln, und weniger bei spezifischen Maßnahmen, die auf einen bestimmten Betrieb mit bestimmten Tätigkeiten zugeschnitten sind.

Beim Ausbau des Angebots ist neben der Politik vor allem die Weiterbildungsbranche gefragt.

Voraussetzung sollte eine geeignete Zertifizierung sein, die zugleich eine Anerkennung der Leistungen auch unterhalb vollwertiger Berufsabschlüsse ermöglichen würde. Bei der bevorstehenden Aufgabe ist mit der Erarbeitung relevanter Kompetenzstandards und dem Ausbau des Angebots neben der Politik vor allem einer gefragt: die Weiterbildungsbranche selbst.

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